Wir sind noch da - die vergessene Branche

03.06.2020

Wir sind auch noch da! Offener Brief an alle, die es lesen möchten!

Liebe Regierung, liebes Volk, liebe Mitmenschen, Nachbarn und Freunde!

Ich muss mir jetzt Luft machen. Gestern lief mein Geduldsfass über, als sich Wirte beschwerten, die letzten zu sein, die wieder nach Corona aufsperren dürfen!

Die allerletzten sind wir! Wir Reisebusunternehmer! Darf ich uns mal in den Mittelpunkt stellen?

Wir sind immer eine vergessene Branche. In der ganzen Berichterstattung habe ich nicht mal ein Wort über uns gehört. Im Gegensatz zu Deutschland - da geht es richtig ab. Aber das ist typisch für uns: wir sind immer im Stillen da. Schon in Normalzeiten gibt es uns einfach, aber viele nehmen uns gar nicht wahr. Wir fallen erst dann auf, wenn unsere großen Gefährte mal im Weg stehen oder auf der Autobahn zu langsam überholen! Dann heißt es: ein Bus.

Aber wir sind so viel mehr: Wir sind Dienstleister im Tourismus, im Schulwesen, im Veranstalterwesen, für Privatfeiern wie Geburtstage, Hochzeiten, Begräbnisse. Sichere Transfers bei Kongressen und die Bäderbusse zu den schönsten Tagen im Jahr. Wir sind für Senioren der Einbruch in den normalen Alltag, das Aufblühen für diese Generation.

Die Buslenker sind Kontaktpersonen - insbesondere für ältere Menschen. Zu meiner Zeit am Lenkrad war ich oft wichtiger als die Kinder und Enkelkinder. Einfach nur deshalb, weil ich einmal im Monat mit den Senioren auf Ausflug war. Ich war Psychiater, Ansprechperson, Pausenclown. Und so sind es viele Kollegen. Wir sind Hoffnungsgeber, für ein paar Stunden, einen Tag oder eine Wochenreise.

Mir ist jedes Unternehmen wichtig. Ich sehe niemanden als Konkurrenz und ich weiß, wir alle sitzen derzeit im gleichen Boot und kämpfen mit unseren Ängsten, Sorgen, Problemen gegen Corona. Und mit unsere Psyche, denn die leidet momentan am Meisten.

Aber liebe andere Unternehmen überlegt mal ehrlich, welche Chancen ihr habt. Wir können kein Homeoffice betreiben - die Busse passen nicht in unsere Wohnungen. Wir können derzeit die Kataloge für 2020 einstampfen oder verbrennen und nicht mal neue planen, da wir keine Ahnung haben in welche Richtung Corona unsere Welt lenkt. Wer wird überleben? Welche Länder werden in Zukunft auf den Reisewunschlisten stehen?

Wir können kein Essenslieferservice oder Selbstabholung anbieten. Wir können keine selbstgeschneiderten Masken verkaufen. Wir haben keinen Onlineshop für derzeit wichtige Alltagsdinge.

Mir ist schon klar, dass es andere Branchen gibt, die derzeit, sowie wir, nichts tun können. Aber von diesen Branchen wird wenigstens gesprochen. Diese Branchen werden schmerzlich vermisst. Ich glaube kaum, dass jemand in den letzten Tagen öffentlich einmal seinen Schulbus vermisst hat.

Wenn in Österreich alles gut geht, dann werden die Schulen im Mai öffnen. Nur dann fährt keiner mehr auf Ausflug. Gerade in den stärksten Monaten Mai und Juni bleiben, bis auf die Schulbusse, unsere Gefährte in der Garage stehen. Unsere Lenker arbeitslos.

Bis Ende August sind alle Veranstaltungen gestrichen, somit gehen viele Kunden auch von Busreisen aus. Unsere Auftragsbücher sind mittlerweile bis Mitte September leer.


Die zwei größten Veranstaltungen rund um Wien am Neusiedlersee wurden gestrichen, wir bleiben in der Garage.

Wir als CÄSAR arbeiten mit Betrieben und führen Betriebsausflüge durch. Die Frühjahrstermine sind bereits alle storniert und überall habe ich gehört, heuer nicht mehr. Klar, die Unternehmen haben nach Öffnung und Corona-Ende andere Sorgen, als den Mitarbeitern einen schönen Tag zu finanzieren und gönnen.

Kongresstourismus ist tot. Veranstaltungen sind alle gestrichen. Die Grenzen sind teilweise zu. Kollegen, die auf den asiatischen Raum spezialisiert sind, stehen bereits seit Ausbruch in China. Oh, ich sehe jetzt einige flüstern: echt? Schon solange? Und die Kollegen werden weiter stehen mit ihren Gefährten, wo einer bis zu einer halben Million EURO in der Anschaffung kostet. Gruppenreisen werden lange zuvor geplant, nicht spontan unternommen.

Juhu, ab 01.05.2020 soll es langsam bergauf gehen mit Österreichs Wirtschaft. Ich wünsche es wirklich jedem von Herzen. Und ich weiß auch, dass kaum eine Branche den Frühjahrsverlust heuer noch einfahren kann. Aber bei uns Busunternehmen werden ab der Öffnung keine Leute wie bei den Wirten, den Baumärkten, den Friseuren,... Schlange stehen.

Reisen ist Vertrauenssache. Und dieses Vertrauen ist weg. Niemand steht in der Früh auf, schaut in die Sonne, ruft mindestens 20 Freunde an und fährt zum Busunternehmen, weil er auf Ausflug will. Aber er wird seinen Partner wecken und auf Ausflug fahren. Zwei Personen, die etwas erleben, die dann beim Wirten einkehren. Und das multipliziert sich.

Reisen, vor allem Gruppenreisen, müssen geplant werden. Meist bis zu einem Jahr. Sehr selten kurzfristiger als ein Monat.

Wir als CÄSAR GmbH arbeiten mit österreichischen Senioren. Werden unsere Senioren nach Corona noch leben? Und wenn ja, wie wird es ihnen gesundheitlich gehen? Jeden Tag, den sie zu Hause sitzen und das Gefühl eingesperrt zu haben zerrt an den Muskeln, der Psyche, der Gesundheit. Werden sie nach Corona jemals wieder verreisen? Wollen und können?

Seniorenreisen sind mehr als reine Kaffeefahrten, es sind Ausflüge aus dem Alltag. Ein gemeinsames Erleben, sich mit Freunden treffen, neues Erleben und davon wieder zerren. Aber wann sind unsere Senioren wieder bereit? Wann werden die Schulen sich wieder in Bewegung setzen? Wird es in Zukunft noch Kongresstourismus geben - oder gewöhnen sich jetzt alle an Videokonferenzen? Wann beginnen Touristen in Gruppen wieder zu verreisen?

Sind sich eigentlich alle, die immer auf die Busse bei Ausflugszielen losgehen, bewusst, dass wir nicht nur für uns arbeiten. Bei Busreisen verdienen Hotels, Gastronomie, Ausflugsziele, Reiseleiter und Stadtführer, Reiseandenkenverkäufer, Koffergeschäfte, Tankstellen, Versicherungen, Friseure (viele Senioren machen sich für Reisen extra schön, weil ein Ausflug etwas aufregendes ist), Veranstaltungen, Eventmanager, Reedereien, Ab-Hof-Verkäufer, Toilettanlagenbesitzer, Werkstätten, Putzmittelproduzenten, Glasreparaturfirmen, Parkplatzbetreiber, Gemeinden und Länder mit Mauten, Einfahrtsgebühren, Extrasteuern?

Vielleicht finden sich jetzt einige, die für einen kurzen Moment feststellen: Aja, Busunternehmen sind wirklich die letzten, die nach Corona wieder losfahren.

Danke fürs Lesen. Mir ist bewusst, dass ich bei vielen einen Shitstorm losbrechen werde. Aber dann redet ihr wenigstens über uns.

Um nicht selbst durchzudrehen und mit meinen Kunden in Kontakt zu bleiben, betreibe ich seit Beginn von den Ausgehbeschränkungen in Österreich das sogenannte Krisenkochbuch. Mit kurzen, lustigen Geschichten versuche ich den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Mit raschen, einfachen, günstigen Rezepten kleine Tipps für das Selbstkochen zu geben. Solange, bis unsere Gastronomie in Österreich wieder vollständig für das Wohl unserer Kunden sorgen kann. Vielleicht hilft es einigen, diese Zeit mit uns gemeinsam zu überbrücken, damit wir uns danach alle wieder gesund sehen!

Renate Stigler, CÄSAR Bus- und Personenbeförderungs GmbH, Rosensteingasse 67, 1170 Wien, 0664/925 91 14. www.caesar-bus.at